Quarantäne auf Tunesisch

Wo war ich stehen geblieben?

Ach ja, Freitag der 13.3. Weltweiter Shutdown.  Am Anfang wollte ich das alles gar nicht begreifen, ich verstand gar nichts und dachte, die Krise würde mich, wie so viele andere gesellschaftliche und medien-gemachte Krisen, auch dieses Mal verschonen. Anscheinend sollten alle Deutschen Reisenden in den nächsten Tagen zurück kommen. Das wollte ich aber auf gar keinen Fall. War ja gerade erst angekommen.

Außerdem konnte ich ja immer noch alles tun. Hatte ich gehofft. Aber nichts da. Alle Veranstaltungen und Konzerte wurden abgesagt. Bars und Restaurants schlossen nach und nach. Die Lebensmittelläden und Supermärkte waren um 16:00 dicht und ab 18:00 gab es sogar eine komplette Ausgangssperre. In der Theorie. Ich musste natürlich das mal ausprobieren, aber dazu später mehr.

Soweit also die Auflagen. Das gesamte öffentliche Leben war im Prinzip ausgesetzt. Kein Flugverkehr.

Mein eigener Bewegungsradius verkleinerte sich sukzessive von Tag zu Tag. Gott sei Dank waren wir in einer netten Bude eines Freundes, in der wir es uns gut gehen ließen. In mitten der Altstadt. Der Medina. Rundherum gab es alles, was man zum Leben brauchte.

Anfangs kamen sogar noch Freunde zu Besuch, mit denen wir gemeinsam den ganzen Tag jamten. Die Jungs rauchten einen Joint nach dem anderen und ich hatte Bier organisieren lassen. Oder wir saßen draußen in einem Cafe in der Sonne und tranken Kaffee.

 

Ab dem 17.3. ging dann gar nichts mehr. Ich durfte auch tagsüber nicht mehr draußen umher laufen. Die Jungs hatten auf einer App gesehen, welche Gebiete „Corona-verseucht“ waren. Diese galt es dann zu meiden. Leider gehörte auch unser Schnapsladen dazu. Also gab es kein Bier mehr, aber dafür Wein vom Monoprix. Essen bekamen wir früh am morgen auf dem Markt. Im Prinzip fehlte es uns an nichts und wir hatten großes Glück, dass wir ohne nervigen Hick Hack alles schnell bekamen.

Die Jungs passten gut auf mich auf. Nach ein paar Tagen völligster Isolation zu dritt und maximal eine Stunde Ausgang, bekam ich einen Rappel. Erst hieß es auch ich sollte am 21.3. zurück fliegen, geplant war der 28.3. weil danach dann erst ab dem 11.4. oder so offiziell Flüge gingen. Dem war aber nicht so.

Ich fühlte mich wenig beachtet und bekam einfach die Krise, weil ich es nicht gewöhnt bin, so abhängig von anderen zu sein. Ich hasste diesen Zustand nicht zu wissen, was richtig ist oder es abschätzen zu können, wie hoch das Risiko ist, wenn ich mich nicht an Regeln halte. In Deutschland kann ich mich gut aus dem meisten herausreden und Notfalls gibt es Anwälte.

In Tunesien sieht die Welt anders aus. Es ist sicherlich noch eines der sichersten und liberalsten Länder Nordafrikas, aber man sagte mir des öfteren, ich solle bloß nicht alleine irgendwo umherlaufen. Viel zu gefährlich.

Nach meinem emotionalem Absturz bekam ich mehr Aufmerksamkeit, sie bemühten sich auf Englisch zu reden und bezogen mich mehr ein. Ich durfte vor um 16:00 auch alleine vor die Tür. Das war ein ungemein tolles Gefühl von Freiheit.

Die Zeit verging insgesamt erstaunlich schnell. Und fast war ich traurig, als ich die Nachricht am 2.4. bekam, dass am nächsten Tag Flüge zurück gehen sollten. Ich war innerlich schon auf Mitte April eingestellt und hatte vor, noch einiges zu produzieren. Diese Situation ausnutzen, um mit mir in Kontakt zu bleiben. Ich war gerade fein mit allem, da endete es aprubt. Aber so ist immer so bei mir….

 

 

 

Freitag der 13.

… oder der Anfang vom Ende …

Der Tag war seltsam, ereignisreich und voller irritierender Wendungen. Gefühlsachterbahn inklusive. Erst ganz spät am Abend fiel mir auf, dass es ein 13. Freitag war und dem Aberglauben nach ist das ein Pechtag. Als ich das erzählte, mussten alle lachen.

Aber wie kommen wir dahin wo ich jetzt war?

Tunis: Morgens fuhr ich mit Walid nochmal in die City, weil wir beide unsere Ladekabel bei dem Freund letzter Nacht vergessen hatten. Ich schrieb einen Zettel mit der Bitte, sich zu melden, wenn Oumeima und ihr Freund nach Sousse aufbrechen wollten.

In der City trafen wir einige Freunde und Bekannte und gingen dann in eine versteckte Bierbar. Walid versuchte die ganze Zeit die Leute zu erreichen mit denen ich auf reisen gehen sollte, aber keine Antwort. Dann hieß es, die Fahrt fällt flach, dann telefonierte ich mit Oumeima, um heraus zu finden, was jetzt Sache ist. Sie meinte, ich solle sofort kommen und dann ginge es los.

Also organisierte mir Walid ein Taxi und ich fuhr zurück. Etwas später saßen wir in einer Mitfahrgelegenheit und gegen 20:00 kamen wir irgendwo an, wo uns ein Freund empfing und zu sich nach Hause brachte. Wir wollten raus gehen und am nächsten Tag sollte die Trance Party sein. Aber Corona machte uns einen Strich durch die Rechnung.

Nach vielem hin und her und zwei weiteren Autofahrten fanden wir uns in einem schönen Haus, in einem kleinen Ort weiter, namens Sidi Buali. Es gab Bier vom Schwarzmarkt, immerhin und Musik. Der Abend war echt nett, ich fand dann auch einen tollen Ort, an dem ich schlafen konnte. So ein kleines Kämmerchen mit Fenster und Matratze und voller Party- Deko.

Mich wunderte ein wenig, dass so junge Leute in so schicken großen Häusern wohnen. Aber eigentlich schlau, nicht zur Miete wohnen zu müssen.


Ich feierte die Musik und tanzte auf dem Balkon. Dann hieß es irgendwann gegen frühen Abend Aufbruch zurück nach Tunis. Und kein Bier.. aber ein toller Sonnenuntergang im Auto und leckere Sandwiches. Nach einiger Diskussion und einem kurzem Einkauf.

Man wollte mich nicht allein einkaufen und das Essen machen lassen, also mussten sie dann wohl oder übel mit mir mitkommen. Ich war schon auf dem Weg nach draußen, quasi. Im Mini- Supermarkt fand ich dann Estrella Damm, eine spanische Biersorte. Wenn auch ohne Alkohol, aber besser als gar nichts. Ein Hoch auf den Placebo- Effekt.

In der Wohnung von Achmed, Hakim und dem Grafikdesigner mit seiner Freundin Oumeima kommen viele Freunde Abends zu Besuch. Man zockt Fifa, raucht viel und hört Musik oder guckt tunesische Comedy- Serien. Walid meinte, die wären total schrecklich.

Die Jungs sind alle, nebem ihrem Filmstudium, in der Kreativbranche als Freelancer tätig. Hakim arbeite gerade an einem Werbesong für ein Programmierkurs. Das Equipment bestand aus Laptop, Interface und Mikro. Die „Sprecherkabine“ befand sich neben dem Schreibtisch in der Zimmerecke und bestand quasi nur aus dieser Ecke, die mit Schaumpolster beklebt war. Ich war begeistert.

DIY. Überall. Man braucht kein teures Equipment, um gute Sachen zu produzieren.